Kunstrasen als Gefahr für die Gesundheit?

Kunstrasen als Gefahr für die Gesundheit?

Granulat sorgt für Diskussionen – Wissenschaftler und Experten sind uneins

 

RZ Andernach & Mayen vom Donnerstag, 10. November 2016, Seite 24

 

Koblenz. Kunstrasen, das ist die schöne neue Welt des Fußballs. Ein pflegeleichter Untergrund, der nahezu während des ganzen Jahres nutzbar ist und noch dazu keine verdreckten Spieler hinterlässt. Vorbei auch die Zeiten, da eine Grätsche für blutende Wunden sorgt. Längst sind Kunstrasenplätze auch Standortfaktoren, die Vereinen die Suche nach Nachwuchs erleichtern. Rund 150 gibt es bereits allein im Bereich des Fußballverbands Rheinland (FVR), bei vielen Klubs und Kommunen ist das künstliche Grün in Planung. Zwar betragen die Anschaffungskosten mit rund 450 000 Euro etwa das Doppelte von denen eines Naturrasens, aber die Vorteile sind immens: Die Kosten für den Unterhalt liegen im Vergleich bei einem Drittel, überdies sind die Nutzungsstunden pro Jahr etwa dreimal so hoch.

In die Vorfreude auf das neue Geläuf mischen sich allerdings irritierende Meldungen aus den Niederlanden, wonach das Granulat krebserregende Substanzen enthalten könnte.

Konkret geht es dabei um Styrol-Butadien-Rubber, kurz SBR. Mit den Mini-Kügelchen werden die Plätze verfüllt, um die Haltbarkeit, aber auch das Spring- und Rollverhalten des Balles zu verbessern. Hergestellt aus alten, geschredderten Autoreifen, lebt in diesen Tagen eine Diskussion neu auf, ob die darin enthaltenen Weichmacher-Öle gesundheitsgefährdend sind. Glaubt man Warnungen der Universität Utrecht, ist zumindest in den Niederlanden die Gefahr nicht von der Hand zu weisen, zwischenzeitlich hatten dort zahlreiche Vereine beschlossen, die Plätze vorerst nicht zu nutzen.

Panikmache oder berechtigte Sorge? Die Meinungen darüber gehen auseinander. SBR-Granulat, so wenden Experten ein, kann besonders bei Wärme und Feuchtigkeit schädliche Stoffe freisetzen – sogenannte Polyzyklische Aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) –, die über die Atemwege oder die Haut aufgenommen werden. Seitens der EU gibt es Grenzwerte, die aber laut der Wissenschaftler in Utrecht um das „zehn- bis 100-fache“ überschritten werden.

Zahlen, die zum Beispiel beim Fußballverband Rheinland so nicht bestätigt werden können. Im Gegenteil. Wenn FVR-Geschäftsführer Armin Bertsch von Vereins-Verantwortlichen beim Bau von Kunstrasenplätzen zu Rate gezogen wird, bezieht er sich vor allem auf eine Studie aus der Schweiz, die im Jahr 2006 durchgeführt wurde. „Dort geht man bei geschlossenen Räumen, zum Beispiel in Soccerhallen, von einer Feinstaub- und PAK-Belastung analog zum Aufenthalt in einer Stadt mit Straßenverkehr aus“, fasst er die dortigen Ergebnisse zusammen. Bertschs Folgerung: „Gesund ist beides nicht. Gleichberechtigt wäre dann aber auch die Forderung nach der Einstellung jeglichen Autoverkehrs.“

Einigkeit herrscht indes darin, dass es ratsam ist, ein Granulat aus Neu-Gummi (EPDM-Granulat) zu verwenden – das allerdings auch etwas teurer als SBR-Granulat ist. „Aktuell ist auch Kork als Alternative in der Erprobung. Bei der Haltbarkeit scheint es aber erhebliche Nachteile zu geben“, sagt FVR-Geschäftsführer Bertsch. Generell rät der DFB, der bereits 2006 eine 15-seitige Broschüre zu dem Thema veröffentlich hat, keine Recyclingmaterialien zu verwenden. Auch herkömmlicher Sand kann eine Alternative sein – der aber wiederum die Eigenschaften des Kunstrasens beeinflusst.

In den Niederlanden, wo Kunstrasenplätze besonders weit verbreitet sind, wird nun eine neue Studie erarbeitet, die für Klarheit sorgen soll. Die Ergebnisse werden in einigen Wochen erwartet.